Skelett erinnert an die letzten Kriegstage Überreste Gefallener bei Torgelow entdeckt Torgelow:1. Mai 1945.Ein sonniger Frühlingstag, kurz vor Kriegsende. Nazi-Deutschland liegt in Trümmern, den Krieg haben die Deutschen längst verloren. Für einen jungen Mann, kaum älter als 17,18 Jahre ist es der letzte Tag seines Lebens. Es endet auf einem Acker kurz hinter Torgelow bei Waren.Erschossen wird er von russischen Soldaten, ebenso wie schätzungsweise etwa 30 weitere junge Männer, die zu einem Trupp des Reichsarbeitsdienstes gehören. Ihr wahnwitziger Befehl lautete, die Russen auf ihrem Vormarsch in Richtung Berlin aufzuhalten. Vermutlich fallen sie alle an diesem ersten Maitag auf dem Acker am Torgelower See. Nur wenige Wochen, bevor sich sein Todestag zum 57.Mal jährt, wurden die sterblichen Überreste des jungen Soldaten am Mittwoch in seinem einstigen, kaum mehr als 50 cm tief gelegenen Schützenmulde entdeckt. An diesem Nachmittag traf sich auf der Weidefläche der Rostocker Geschichtslehrer Lutz Müller, ehrenamtlich tätig für den Landesverband M-V im Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge, mit dem Malchower Thomas Möller sowie Mario Gransee, beide Mitglieder im Verein "Mythos". Dieser Verein mit Sitz in Frankfurt a. M. befasst sich mit Heimatgeschichte. Ein Ansinnen, erläutert Thomas Möller, sei die Vermisstenforschung. Der Malchower Polizist ist bei "Mythos" e. V. verantwortlich für die Gefallenbergung in M-V. Bei seinen Recherchen hatte Lutz Müller herausgefunden, dass auf dem Acker bereits Anfang der 80er Jahre beim Verlegen einer Wasserleitung fünf Skelette und reichlich Munition entdeckt worden waren. Die Toten seien u. a. in Alt-Schloen und waren beigesetzt worden, auf dem Schloener Friedhof erinnert ein Gedenkkreuz an sie. Aufgabe der drei Männer am Mittwoch war die Suche nach Hinweisen, die belegen sollten, dass hier Kämpfe stattgefunden hatten. Ausgerüstet mit Spaten und ihren Detektoren tauchten sie ein in ein Stück fast vergessener Torgelower-Kriegsgeschichte. Bereits nach einigen Minuten piepten die Anzeigen ihrer Suchgeräte. Wenige Spatenstiche tiefer förderten die Männer Patronenhülsen zu Tage, kurz darauf das verrostete Kolbenendstück eines K 98, ein Karabiner, die Standardwaffe der Deutschen, erklärte Thomas Möller. Wieder schlug die Anzeige des Detektors an. Jetzt stieß der Spaten gegen einen harten Gegenstand. Die Männer gruben tiefer, vermuteten zunächst, auf eine größere Waffe gestoßen zu sein. Doch der rostige Fund erwies sich als ein Stahlhelm. Im Laufe der weiteren Grabung wurde Gewissheit, was die Männer bereits geahnt hatten. Zum Vorschein kam ein Schädel, dann menschliche Knochen, die Überreste eines, wie Lutz Müller aus seinen Nachforschungen weiß, jungen Soldaten, der hier an jenem 1.Mai 45 gefallen war. Sichtlich bewegt suchten die Männer noch einige Zeit weiter. Doch an diesem Nachmittag blieb es bei dem einen Toten." Wir messen die Fundstellen jetzt aus und dokumentieren sie", erklärte Thomas Möller. Aufnehmen dürfen die Männer die menschlichen Knochen nicht. "Ziel ist, dass alle jungen Soldaten, die hier noch verscharrt sein sollen, beigesetzt werden können. Das ist die Aufgabe des Volksbundes der Kriegsgräberfürsorge und geht seinen offiziellen Gang über das Innenministerium", erläuterte Lutz Müller. So wie die in Torgelow verscharrten Soldaten, liegen noch viele in Waldböden, auf Äckern und Wiesen. Zu DDR - Zeiten ein Tabu-Thema, weiß Lutz Müller. Um gefallene Nazi-Soldaten habe man eben kein Aufheben gemacht. So sei auch nach den Funden in den 80-er Jahren der Acker nie weiter erforscht worden. Seit 1997 organisiert der Pädagoge Jugendferienlager in Verdun/Frankreich und in Stalingrad. Junge Leute pflegen während ihres Aufenthaltes Soldatengräber. Darüber hinaus organisieren sie sich in Jugendarbeitskreisen, sind in Forschungsprojekten, wie auch in Torgelow, aktiv tätig. "Die einzige Info, die wir über die Torgelower Ereignisse hatten, war, dass bei Rügeband in den letzten Kriegstagen junge deutsche Soldaten umgekommen sein sollen, die den Befehl hatten, die Russen aufzuhalten. Wir haben ältere Dorfbewohner befragt und so präzise Informationen bekommen", berichtet Lutz Müller. Von den Bewohnern, die diesen 1.Mai miterlebt haben, lebt heute keiner mehr. Doch langsam ergab sich ein genaueres Bild über die Zusammenhänge. "Eine Frau im Dorf hat erzählt, dass an einigen Stellen auf dem Acker das Getreide früher kam, als an anderen", erzählt Lutz Müller von einem eher makaberen Hinweis darauf, dass knapp unter der Erde Tote liegen könnten. Ein wichtiger Ansprechpartner im Dorf ist für Lutz Müller Siegfried Lüloff, mit seinen knapp 60 Jahren eigenen Angaben zufolge heute einer der ältesten Dorfbewohner. Er war dabei als vor rund 20 Jahren die Skelette gefunden wurden. "Einer hatte noch den Helm auf, ein Loch zeigte, dass er durch einen Kopfschuss starb", erzählte Siegfried Lüloff. Die Schnürstiefel seien noch gut erhalten gewesen, die Munition war noch ganz blank, erinnert er sich. Auch seien bereits vor den Funden in den 80er-Jahren einmal zufällig drei Skelette auf dem Acker entdeckt worden. "Schon als Bengel habe ich oft den Älteren zugehört, die konnten wunderbar erzählen. Natürlich auch von den gefallenen Soldaten", berichtete Siegfried Lüloff.So weiß er, dass die russischen Soldaten Dorfbewohner gezwungen hatten, die toten Deutschen auf dem Acker in ihren Schützenmulden zu verscharren. Wichtigster Zeitzeuge aber ist ein Mann aus Hannover. Als junger Soldat gehörte er zur besagten RAD-Truppe, war aber, weiß Siegfried Lüloff, an diesem Maitag in Waren zurückgeblieben. Auch mit diesem Zeugen hat Lutz Müller längst Kontakt aufgenommen. Dennoch lasse sich die Zahl der jungen Männer, die in Torgelow auf dem Weg nach Berlin ihr Leben verloren, nicht eindeutig festlegen. "So um die 30 können es gewesen sein", sagte Lutz Müller. Für ihn sei es ein persönliches Anliegen, dass die Toten umgebettet werden können. Ob ihre Identität jemals geklärt werden kann, ist fraglich, denn viele der jungen Soldaten haben keine Erkennungsmarke. "Aber bei einem der Toten, die wir damals entdeckten, habe ich doch eine solche Marke gefunden.Es handelte sich um einen Unteroffizier, der in Waren beigesetzt wurde. 21 Jahre war er alt, sein Bruder kam damals aus Westdeutschland und hat Blumen an die Stelle gelegt, an dem ich den Unteroffizier gefunden hatte. Seine Familie hatte bis dahin geglaubt, er sei in Stalingrad gefallen", erzählte Siegfried Lüloff. Ihre Suche nach den Gefallenen werden die Männer bereits morgen intensiv fortsetzen. Quelle Nordkurier |